[Rezension] Wir träumten vom Sommer - Heidi Rehn

Titel: Wir träumten vom Sommer
Autor: Heidi Rehn
Seitenzahl: 432
Verlag: List Hardcover
ISBN-10: 3471360565
ISBN-13: 978-3471360569
Erscheinung Erstausgabe: 27.07.2023
Genre: zeitgeschichtlicher Roman, historischer Roman, Gesellschaftsroman
Handlungsort: München (1968-1972)
Klappentext:
Für Amrei wird ein Traum wahr. Als Hostess darf sie hautnah bei den Olympischen Spielen 1972 dabei sein. Dafür muss sie jedoch ihren Auslandsaufenthalt abbrechen und nach München zurückkehren, die Stadt, in der sie während der Studentenproteste 1968 kühne Träume für die Zukunft gesponnen hat. Hin- und hergerissen zwischen zwei Männern, dem Kunststudenten David und dem Polizisten Wastl, ist sie damals überstürzt nach Paris geflohen. Vor der Kulisse der Olympischen Spiele hat sich ihre frühere Heimat entscheidend verändert. Sogar die einstigen Rivalen David und Wastl sind inzwischen beste Freunde geworden. Doch die Idylle trügt. Das Attentat bei den Spielen reißt alte Gräben wieder auf, und Amrei gerät unfreiwillig in den Konflikt zwischen der Polizei und ihren revolutionär gesinnten Freunden ...
Cover und Gestaltung:
Auf dem Cover sieht man einen Mann und eine Frau mit einem alten Fahrrad und mit Friseuren und Klamotten, die typisch für die 1970er Jahre waren. Beide blicken zum Olympia Stadion und im Hintergrund erkennt man den Münchner Fernsehturm. Das Cover passt also perfekt zur Geschichte und fängt die Atmosphäre der 70er Jahre wunderbar ein.
Meine Meinung:
Man steigt im Frühjahr 1972 in das Buch ein, als Amrei die Zusage für einen Job als Hostess bei den Olympischen Spielen erhält. Daraufhin verlässt sie Florenz, wo sie gerade arbeitet und zieht zurück nach München zu ihrer Großtante Annamirl. Dort hat sie schon einmal während ihres Studiums 4 Jahre zuvor gewohnt, bevor sie Hals über Kopf ins Ausland floh. Was damals vorgefallen ist, weiß der Leser aber nicht und dies wird erst nach und nach in einem zweiten Handlungsstrang, der von 1967 - 1969 spielt, erzählt. Die beiden Zeitebenen wechseln sich dabei immer kapitelweise ab und werden alle aus Sicht der Protagonistin Amrei erzählt.
Im Jahr 1967 erfahren wir, wie Amrei aus dem Elternhaus in der provinziellen Oberpfalz nach München zu ihrer - für damalige Zeit - sehr unkonventionellen und liberalen Großtante zieht und anfängt zu studieren. Dort freundet sie sich mit anderen Studenten an, verbringt viel Zeit in deren WG und verliebt sich in den rebellischen Kunststudenten David.
Es ist die Zeit der 68er Bewegung und der Studentenproteste, die auch vor München nicht Halt machen. Das Erbe der NS-Zeit, der Mief der 50er Jahre, der Kapitalismus, die Notstandsgesetze und der Vietnamkrieg sind alles Themen in Amreis Clique und durch diese gerät auch sie in den Strudel der Proteste. Die wichtigsten historischen Begebenheiten der 1968er Studentenunruhen in München sind dabei klug mit in die Handlung eingeflochten und es wird im Buch greifbar wie die zunehmende Radikalisierung einer Generation verlief.
Bei einer Demo lernt Amrei dann den Polizisten Wastl kennen, dessen bodenständige Bürgerlichkeit und Pflichtbewusstsein im Gegensatz zu ihren Freunden steht und der allein wegen seines Berufs bei diesen verpöhnt ist. Die emotionale Dreiecksliebesgeschichte zwischen Amrei, David und Wastl spiegelt gut die inneren Zerrissenheiten der damaligen Gesellschaft wider.
Am meisten lohnt es sich das Buch aufgrund der Atmosphäre zu lesen, die den damaligen Zeitgeist perfekt einfängt. Dabei zeigt es einen harten Kontrast zwischen den protestierenden 1968er Jahren und der Aufbruchsstimmung von 1972.
München als Schauplatz wird wunderbar lebendig beschrieben: vom "Millionendorf" und der Großbaustelle 1968 bis hin zur Verwandlung in eine moderne internationale Metropole im Jahr 1972.
Und dieser Wandel vollzieht sich nicht nur äußerlich, sondern umfasst auch einen gesellschaftlichen und atmosphärischen Wandel. Vor dem Hintergrund der Studentenunruhen von 1968 stand die Jugend den kommerziellen und prestigeträchtigen Olympia-Plänen der Stadt extrem kritisch gegenüber. Als Amrei zurück kehrt hat sich aber nicht nur die Stadt verändert, sondern auch die Bevölkerung und ihre ehemaligen Freunde zeigen jetzt große Begeisterung und Vorfreude auf die "heiteren Spiele", die das neue demokratische und friedliche Deutschland repräsentieren sollen. Aus Angst vor dem Verdacht auf den deutschen Militarismus setzte man bewusst auf ein minimales Sicherheitskonzept, was sich aber als fataler Fehler herausstellte, denn die RAF und der internationale Terror lauern schon im Schatten.
Und so wird dieser unschuldige Sommer voller weltoffener Leichtigkeit abrupt von dem Terroranschlag auf die olympischen Spiele zerstört, wodurch die Stadt aber auch Amrei und ihre Freunde sich ein weiteres Mal radikal verändern.
Der Schreibstil ist der Zeit angemessen und mit einigen charmanten bayrischen und historischen Ausdrücken versehenen. Das Erzähltempo ist eher langsam und manchmal zieht es sich ein wenig. Hier hätte man am Anfang etwas kürzen können und später mehr Fokus auf das Attentat legen können.
So aber sollte man sich von dem Roman keinen Schwerpunkt auf das Attentat der Olympischen Spiele erwarten, wie ich zunächst dachte. Denn dies ereignet sich erst im letzten Viertel des Buches und wird auch nur nebenbei gestreift. Hier wird wie im gesamten Buch mehr Fokus auf die Auswirkungen auf Amrei und ihr Leben gelegt, als auf die zeithistorische Beschreibung der eigentlichen Ereignisse um die Olympischen Spiele.
Fazit:
"Wir träumten vom Sommer" ist in sehr atmosphärischer Zeitgeschichtsroman, der eindrucksvoll den gesellschaftlichen und politischen Wandel in Deutschland – vom Idealismus des Jahres 1968 bis zur harten Realität der frühen 1970er-Jahre, beschreibt. Der Fokus liegt dabei weniger auf den historischen Ereignissen rund um die Olympischen Spiele, von denen ich mir etwas mehr Details erhofft hätte, sondern vielmehr auf Amreis persönlicher Identitätssuche vor diesem geschichtlichen Hintergrund.
Charaktere

Tempo

Tiefe





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