Montag, 24. Februar 2014

Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte - Rachel Joyce

[Rezension] Ein Jahr, das zwei Sekunden brauchte - Rachel Joyce




Titel: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte
Autor: Rachel Joyce
Seitenzahl: 432
Verlag: FISCHER, Krüger
ISBN-10: 3810510815
ISBN-13: 978-3810510815
Erscheinung Erstausgabe: 21.11.2013






Lesezeitraum:

18.02.- 23.02.2014



Inhalt:


Im Jahr 1972 werden 2 zusätzliche Schaltsekunden hinzugefügt, um die Ungenauigkeit der Erdrotation wieder auszugleichen. Nachdem sein bester Freund James ihm davon erzählte, lässt dies den 11 jährigen Byron nicht mehr los. Er sieht diesem Hinzufügen der 2 Sekunden sehr beunruhigt entgegen, denn dadurch sieht er die natürliche Ordnung der Dinge durcheinander gebracht. 
Und als dieses Ereignis seiner Meinung nach dann stattfindet ist Byron gerade mit seiner Mutter und seiner Schwester im Auto unterwegs und seine Mutter verursacht einen Unfall, bei dem ein Mädchen mit einem roten Fahrrad zu Fall kommt. Seine Mutter fährt allerdings weiter als sei nichts geschehen. Byron scheint der einzigste zu sein, der das Mädchen gesehen hat. Hat er sich diesen Unfall bloß eingebildet oder ist dieser wirklich in den 2 hinzugefügten Sekunden passiert?



Cover und Gestaltung:

Das Cover des Buches ist gelb bis ockerfarben gehalten. Darauf befindet sich ein Ziffernblatt ohne Zeiger und ein Mädchen auf einem Fahrrad. Der Schriftzug des Titels und Autorenname ist reliefartig angehoben. Ich finde das Cover sehr schön, edel und auch passend.

Anzumerken ist, dass der englische Originaltitel des Buches "Perfect"( = Perfekt) auch sehr gut zur Geschichte passt. Genauso wie das Orginalcover, welches eine Pusteblume zeigt. Das dieser Originaltitel und das Cover aber fast noch passender sind, erschließt sich einem erst in der Geschichte.



Meine Meinung:

Das Buch ist in 3 Teile untergliedert: 1. Teil: Drinnen (15 Kapitel), 2. Teil Draußen (19 Kapitel) und 3. Teil Besley Hill (8 Kapitel). Es wird durchgehend in 2 Erzählperspektiven erzählt, die sich kapitelweise abwechseln.
Die erste spielt 1972 und handelt von Byron, seiner Familie und seinem Freund James. Byron und James stammen beide aus besseren Familien der englischen Mittelschicht und besuchen eine Privatschule. Es wird erzählt wie es zu dem tragischen Unfall kam und welche Auswirkungen dieser auf Byrons Familie hat und der verzweifelte Versuch des 11 jährigen Byron alles zum Guten zu wenden. Außerdem wird das Leben der Mittelschicht und der unteren sozial schwächeren Schichten zur damaligen Zeit, sowie die Rolle der Frau in den 70er Jahren in England thematisiert. Man merkt wie sich die ganze Situation allmählich zuspitzt und unweigerlich auf eine Katastrophe zusteuert. 
Der zweite Erzählstrang spielt in der Gegenwart und hier lernt man den 50 jährigen Jim kennen, der psychisch labil und ein Außenseiter der Gesellschaft ist und seine ganz besonderen Eigenarten und Zwänge hat. 
Ich fand es sehr gut konstruiert die beiden Erzählstränge kapitelweise abzuwechseln. Im Gegensatz zur immer düster werdenden Situation des ersten Erzählstranges keimt bei Jims Erzählstrang im Verlaufe des Buches immer mehr Hoffnung auf, dass er doch noch seinen Platz im Leben findet. Es bleibt bis zum Schluss offen, was die beiden Erzählstränge miteinander zu tun haben und man hat auch erst c.a. zur Hälfte eine Ahnung wie es zusammenhängen könnte.

Was sofort bei dem Buch auffällt ist der besondere, ganze eigene Schreibstil von Rachel Joyce. Er ist sehr einfühlsam, bildhaft, fast schon poetisch. Teilweise geht es aber auch schon fast ins philosophische. Rachel Joyce verwendet viel Zeit die Charaktere sehr genau zu zeichnen, was meiner Meinung nach sehr gut gelungen ist, außer bei Byrons Mutter, die doch teilweise sehr naiv rüber kommt. Aber auch so ist das Buch in der poetischen Schreibweise sehr ausgeschmückt und hat für seine Länge nicht allzu viel Handlung. Gerade den Anfang fand ich daher etwas schleppend und auch insgesamt hat es einige Längen, da es doch sehr von den bildhaften Beschreibungen lebt.

Ich bin hin- und her gerissen von dem Buch und habe lange überlegt, wie viele Sterne ich dem Buch geben soll. Ich glaube mein Problem war, dass ich mir unter dem Buch etwas komplett anderes vorgestellt hatte und mit falschen Erwartungen ran gegangen bin. Ich habe es in einer Woche gelesen, in der ich ziemlich viel Stress hatte und abends sehr abgespannt nach Hause gekommen bin und ziemlich müde war. Ich hätte daher eher ein Buch zum abschalten gebraucht oder am besten einen richtigen Pageturner. Beides ist dieses Buch nicht, da es sehr tiefgründig ist und viel zum Nachdenken anregt. Die bildhafte Schreibweise fand ich einerseits sehr beeindruckend und hat mir sehr gut gefallen, aber andererseits machte sie die Geschichte für mich an müden Abenden aber doch teilweise ziemlich langatmig. Und auch das teilweise Abdriften ins philosophische macht das Buch zu keiner einfachen Kost.
Dennoch war die Geschichte für mich sehr dramatisch und emotional und ging mir richtig unter die Haut. Sehr oft habe ich mir gewünscht in die Geschichte eingreifen und alles zum Guten wenden zu können. 
Es geht darum, wie in 2 Sekunden das Leben vieler Menschen komplett aus den Fugen geraten kann. Aber auch um Schuld, Freundschaft, Liebe, Einsamkeit, Zerbrechlichkeit, Hoffnung und die Fehlbarkeit des Menschen. Wie perfekt kann ein Mensch sein?


Fazit:

Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte beinhaltet eine sehr dramatische, bewegende, emotionale, nachdenklich stimmende Geschichte, die viele Themen anreißt und noch eine ganze Weile nachhallt. Erzählt wird diese wortgewaltig in einer sehr poetischen Sprache, von der das Buch lebt, durch die es aber auch einige Längen hat.
Aufgrund der behandelten Themen, der Stimmung des Buches und des ganz eigenen Schreibstils ist dieses Buch aber keine einfache Kost und nicht mal ebenso nebenbei zum Abschalten zu lesen. Dies sollte einem vor Beginn der Lektüre bewusst sein. 
Von mir erhält das Buch alles in allem 4 von 5 Sternen und ich werde mir auch das Erstlingswerk der Autorin wahrscheinlich auch zulegen.







Kommentare:

  1. Irgendwie hat mich das Buch noch nie so wirklich angesprochen und ich kannte noch nicht einmal den Klappentext. Dennoch habe ich deine Rezi von Anfang bis Ende gelesen, man muss ja wissen, was die zukünftigen Kunden so lesen^^.
    Ob ich das Buch nun selbst lesen werde, weiß ich nicht. Mich schreckt so ein bisschen die 70er Jahre ab, weil sich solche Bücher meist immer etwas ziehen.

    Liebe Grüße, Katja :)

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    1. Oh ok, bist oder wirst du Buchhändlerin?
      Ja ziehen tut es sich schon manchmal, wobei das halt von den bildhaften Beschreibungen auch lebt. Das mit den 70ern und dem Frauenbild und gesellschaftlichen Verhältnissen zu dieser Zeit bekommt man eher so nebenbei mit.

      Viele Grüße
      Julia

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    2. Ich werde Buchhändlerin. Momentan bin ich noch Aushilfe, aber im August startet dann meine Ausbildung :)

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    3. Das ist bestimmt ein toller Job, wenn man gerne liest. Allerdings würde mein SUB gleube ich ins unermeßliche wachsen, wenn ich den ganzen Tag in der Buchhandlung verbringen würde ;)
      Dann hoffe ich die Ausbildung macht dir Spaß

      Lg Julia

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